Stettiner Haff und Vineta, die versunkene Stadt

Wir segeln mit unserem Kleinkreuzer WindiGO einen drei-Wochentörn entlang der Halbinsel Wolin bis nach Dievenow und über Swinemünde zurück ins Achterwasser, westlich Usedom.

Video: WindiGO unterwegs

Boddengewässer Ost

Das Stettiner Haff ist ein flaches Gewässer, selten tiefer als 4 m und an seinen Rändern noch flacher.  Gelegentlich finden sich Felder mit großen Steinen mitten im Haff – sie sind aber alle gut gekenn-zeichnet. Die See ist ruhiger als in der Ostsee, allerdings muss man mit Strömungen rechnen, die sich je nach Windrichtung entwickeln und dann auch mit kabbeliger See. Es werden viele Reusen ausgelegt. Die sind zwar gekennzeichnet, aber bei Nacht trotzdem nicht zu sehen. Deswegen kann man nachts nur in den betonnten Fahrwegen segeln – wenn überhaupt. Denn zum Anlaufen eines Hafens muss man dann doch in die kritischen Bereiche. 

Stettiner Haff

Als die größten Highlights haben sich bisher Ueckermünde, Mönkebude und Krummin erwiesen. Übrigens: Von Vineta keine Spur. Gegenüber von Wolin liegt das aus Ausgrabungsteilen fantasievoll aufgebaute Wikingerdorf “Jomsburg“.

Am Donnerstag um 19 Uhr wird WindiGo bei der Bootswerf Baars in Ueckermünde in die Uecker gesetzt. Am Samstag starten wir unseren Törn rechtzeitig zur Brückenöffnung in UeckermündeBeim Ablegen verreckt der neue Aussenborder und springt nicht wieder an. Wie fahren elektrisch und machen hinter der Brücke fest. Es folgt Rasenmähertechnologie: Anziehen mit Choke und ohne Choke und wieder mit Choke. Nix geht. Auf der Hafenmole gucken die Leute, Ulrike zieht den Publikumsjoker und der sagt: „guck doch mal nach der Zündkerze“. Blöder Spruch aber Ulrike tut´s doch und hat prompt ein loses Kabel in der Hand. Was’n das ? Das Zündkerzenkabel drauf stecken und WindiGO fährt mit dem Honda 6 Knoten.

Ansteuerung

Wir düsen durch die Uecker bis ins Kleine Haff. Da düst dann der Wind und zwar aus NW mit 4 Bft und WindiGo zieht mit gerefftem Gross und Genua ab. Die Logge lügt – das GPS zeigt locker 1 kn mehr an. WindiGO läuft und läuft, sicher, ohne Ruderdruck und kann Böen sehr gut ab. Bei warmer Sonne, stetigem Wind tolles Segeln. Wir heizen genauso durch das enge Fahrwasser in den Neuwarper See. Vorbei an Altwarp.

Altwarp – noch Deutschland

Dann verabschiedet sich einer von Ingos wertvollen dicken Fendern. MOB-Manöver, Segel weg, Aussenborder verreckt und der e-Motor rettet Ingos Bumper. Und natürlich Ulrike mit hartem körperlichen Einsatz am Bootshaken.

Wir legen mit starkem achterlichem Wind in Nowe Warpno an. Ulrike ruft dem Vorderlieger zu „keine Panik“ und gibt Gas auf den Honda. Perfekt, Rainer holt die Achterleine dicht und bremst überzählige Motorkraft. Wir setzen die Gastlandflagge. Weiss-Rot für Polen aber was ist oben? Und in welche Saling? Ulrike klugscheißert erst mal ein bisschen herum und machts dann genauso wie die anderen im Hafen. Das erweist sich dann als gute Seemannschaft.

Beim Spülen des Geschirrs läuft die Wasserpumpe, aber es kommt kein Wasser aus dem Hahn. Das Wasser läuft nämlich direkt in die Backskiste Steuerbord. Der Schlauch hat sich aus seiner Position verabschiedet. Hektische Aktion – Trockenlegen der Backskiste samt Inhalt.

Es hätte jetzt trotzdem noch ein chilliger Abend werden können, hätte Ulrike nicht die SGB-Bank in Polen besucht. Wir brauchen nämlich Sloty. Die Bank hat beim ersten Versuch sofort ihre Kreditkarte eingezogen. Ohne Vorwarnung einfach weg; Widerspruch zwecklos. Bearbeitung Montag ab 08.00.  Bis dahin sind wir mittellos am Neuwarper See.

Sonntag- wir warten auf den Banköffnungstag. Ganz lange ausschlafen, Frühstück um 10.30! Dann die Klappfahrräder rauskramen und damit ab über die Dörfer. Viele schöne Häuser mit wilden Naturgärten.

In der unglaublichen Weite wunderschöne, gepflegte Natur. Die Straßen alle neu. Kein Vergleich mit den kaputten Straßen in Deutschland. Mitten im Wald eine Siedlung, Podgrodzie, Architektur wie eine Urlaubsanlage „Kraft durch Freude“. Wohlproportionierte Wohnhäuser, ein Gemeinschaftshaus und viele Sportanlagen. Dazwischen vereinzelte junge Männer in Gruppen. Die tun nix.

Und dann die Begegnung der dritten Art: Uniformierte Kinder beim Antreten in Reih und Glied. Alle mit Rangabzeichen. Ulrike hält das für Pfadfinder. Leider sprechen sie weder Deutsch noch sonst eine europäische Sprache – ausser Polnisch. 

Am Montag um 08.10 bekommt Ulrike ihre Kreditkarte wieder, um 08.30 verlassen wir Nowe Warpno in Richtung Wolin und segeln quer über das Stettiner Haff, ein schöner Schlag. WindiGO segelt bei wenig Wind schnell 4-5 kn. Die Ansteuerung in die Dzwina kürzen wir etwas ab und schaffen es dennoch auf den letzten Meilen nicht gegen an. Motor starten und nach 4 sm anlegen in Wolin. Wer vor den Mooringbojen liegt, hat einen wunderschönen Ausblick über die Dzwina und auf das nachgebaute Wikingerdorf Jomsborg – ist aber vor Wind und Strom ungeschützt. Im kleinen Hafenbecken ist man zwar gegen alles geschützt, sieht aber nur Molenwand. Die Wikingersiedlung ist – im Gegensatz zu Wolin – sehenswert. Wir lernen Bernd und Elke kennen, die wir in Kamien und Dievenow wieder treffen werden.

Am nächsten Tag motoren wir wieder gegen an. Die gesamte Dzwina. Sie ist nicht nur flach, sondern auch verkrautet. Natur pur, leider regnet es und so ist der Naturgenuss reduziert.

Wir machen fest im Yachthafen von Kamien Pomorski.

Kamien Pomorski

Dieser Yachthafen, EU finanziert, hebt sich in Bausubstanz und Modernität deutlich von der gesamten Stadt ab, fast wie ein Fremdkörper. Wir suchen nach der Strzlcka, wo meine Urgroßeltern noch 1940 gewohnt haben. Die Strasse finden wir, das Haus gibt es nicht mehr. Die Stadt wurde im 2. Weltkrieg von Bomben stark beschädigt. Sicher ist, dass sie nahe an der Kathedrale gewohnt haben. Emil Schade war Steinsetzer und soll auch in der Kathedrale gearbeitet haben.  Aus dem historischen Museum nehmen wir Eindrücke mit, wie die Strassenzüge damals ausgesehen haben.

Camin vor 1945

Von Kamien geht es wieder mit Motor nach Dievenow. Hier herrscht der Rummel! Wunderschöner, endloser Sandstrand zur Ostsee von dem schon meine Mutter schwärmte. Wir unternehmen Ausflüge nach Ost-Divenow und über Misdroy zum Amber Golf Resort. Tolle Anlage mit viel Stil und sehr gepflegtem Grün. Zum Kaffee trinken reicht die Zeit leider nicht mehr – wir wollen mit dem EMIL-Bus zurück und der fährt nur stündlich. Weil wir dann doch warten müssen, beobachten wir die Jungstörche bei Flugübungen. Toll! Abends sitzen wir wieder in der Marina. Bernd und Elke verwöhnen uns mit edlem Rum zur brasilianischen Zigarre oder feinstem Eierlikör. Wir bleiben einen Tag länger, weil uns die heftige Welle vor der Ausfahrt aus der Dzwina in die Ostsee ziemlich beeindruckt.

Die Welle vor Dievenow

Dann starten wir aber durch. Schaffen die Klappräder in den Bug, damit der Trimm sich verbessert und starten den Aussenborder. Der Honda schiebt WindiGO verlässlich durch die kabbelige See. An der Ansteuerungstonne setzen wir Segel und fallen ab. Jetzt stabilisiert sich die Lage. Wir segeln auf Backbordbug bis zur Ansteuerung Swinemünde. Ein schöner Schlag von über 20 sm die polnische Küste entlang.

Swinemünde war die einzige grössere polnische Stadt unserer Reise. Da zeigt sich schon ein Unterschied zu den kleineren Ortschaften, was die Kommunikation auf deutsch und englisch anbelangt und das Angebot an Waren und Lebensmitteln.

Mönkebude Badestrand

Durch die “Kaiserfahrt” geht es quer über das Haff direkt nach Mönkebude. Ein echtes Highlight unserer Reise. Wir liegen vor einer kleinen Landzunge, die vor Wind und Welle schützt, aber trotzdem den Blick auf und das Bad im Haff erlaubt. Wunderschöner, seichter Badestrand und ein netter Ort.

Der Sonnenuntergang wird feierlich begangen: In einem der Boote erklingt Schifferklavier und anschliessend folgen Soli auf dem Horn und der Trompete. Gänsehaut pur. Uns gefällt es hier so gut, dass wir zwei Nächte bleiben und eine Radtour nach Ueckermünde machen. Dort ist Musikfest.

Die Reste der gesprengten Eisenbahnbrücke

vor 1945

Am nächsten Tag machen wir in Karnin neben den Resten der von der Wehrmacht gesprengten Eisenbahnbrücke auf der ehemaligen Bahnstrecke von Berlin – Anklam – Swinemünde fest. Seit über 70 Jahren steht sie da mit hochgezogener Bahntrasse herum. Inzwischen haben sich Turmfalken eingenistet. Deswegen verbietet der Naturschutz jegliche andere Nutzung des Denkmals. Mit dem Fahrrad fahren wir nach Usedom (Stadt), einem verlorenen kleinen Ort, dessein Hafen sich in eine große Baustelle verwandet hat. Das Usedomer Haff ist versandet, dort kann man nicht mal mit dem Motorboot hinfahren.

Von Karnin können wir am nächsten Morgen rechtzeitig zur Öffnung der Zecheriner Brücke parat stehen. Die passieren wir zu nachtschlafender Zeit, um dann im Fahrwasser des Peenestroms nach Norden zu motoren.

Zecheriner Brücke 08.45 Uhr

Wir legen an in Lassan, einem sehr hübschen Ort. Leider sammelt sich bei NW -Wind der ganze Modder in dem Hafen. Baden möchte man hier nicht. Hier kommt Falko an Bord. Der segelt mit uns nach Krummin, einer idyllischen Marina auf Usedom, in der wir ebenfalls Steinhuder Meer-Segler antreffen. Nachmittags Baden und dann eine Radtour ins schöne Wolgast und Abends leckeres Barbecue auf der Terrasse des Yachtclubs.

Terrasse Marina Krummin

Mit Falko segeln wir ins Achterwasser. Da hier einige gefährliche Steinfelder im Wasser liegen, müssen wir etwas sorgfältiger navigieren, werden dafür aber mit der Begegnung eines niederländischen Flachbodenseglers belohnt. Abenteuerlich ist der Anleger beim Golfclub Balm. Wir müssen eine Schilfgras-Barre passieren. Da bremst das Schwert und das Ruderblatt klappt hoch. Dort verbringen wir eine unruhige Nacht, weil nicht gegen Schwell geschützt – und zu allem Überfluss erstmalig eine Gewitterwarnung in der Wettervorhersage auftaucht. Auf eine Golfpartie müssen wir verzichten, “die Kasse hat schon geschlossen”. Um 16.30 Uhr(?).

Am Freitag liefern wir Falko wieder in Lassan bei seinem Auto ab. War eine schöne, kurzweilige Gesellschaft. Wir trösten uns über seine Abreise in der Fischräucherei Rankwitz mit einem bemerkenswerten Abendessen. Restaurant und Hafen sind liebevoll gestylt, das Dorf ohne jegliche Einkaufs-gelegenheit. Der Hafen bietet bei NW und W keinen Schutz. 

Wir müssen auf dem Rückweg wieder unter der Zecheriner Brücke durch. Leider sind die Öffnungszeiten in der Seekarte falsch angegeben. So kommen wir eine halbe Stunde zu spät und müssten jetzt 4 Stunden warten. Ulrike sinnt nicht lange nach: Wir machen ´s mit dem Jütbaum! Gross weg, Genua einholen und im Peenestrom treibend legen wir den Mast. Durchfahrt und wieder aufrichten. Alles zusammen eine halbe Stunde Arbeit.

Mast legen – durchfahren -Mast aufrichten

Gleich hinter der Brücke geht es in die Peene.

Da der Wind achterlich kommt, segeln wir nach Anklam und machen beim örtlichen Segelverein vor der Eisenbahnbrücke fest. Wieder so ein Idyll, dass sich aus der DDR Zeit erhalten und weiter entwickelt hat. Uns gefällt es hier sehr gut. Das Ehepaar auf dem Nachbarschiff kommt jedes Jahr hierher. Nachts zieht nun endlich die angekündigte Gewitterfront durch. Am nächsten Morgen ist es etwas frisch, wird aber dann im Laufe des Tages doch wieder sehr sonnig. Immerhin dreht der Wind auf NW, so dass wir genauso wie wir die Peene hinauf gesegelt sind, sie auch wieder hinabsegeln  können. 

Marktplatz Anklam

Noch eine Nacht in Karnin und dann zurück nach Ueckermünde. 

Das war die ursprüngliche Planung:

In Ueckermünde gibt’s Kran- und Slipmöglichkeit sowie Stellplatz für Auto und Trailer. Mit der frühen Brückenöffnung laufen wir gen Polen aus. Etwa auf 53˚ 44,8΄ N und 14˚16,3΄ E passieren wir die polnische Grenze und laufen in den Neuwarper See zum Anleger Nowe Warpno

Damit sind wir gut gerüstet für die Suche nach der sagenhaften Stadt Vineta! Der Sage nach ging Vineta bei einem Sturmhoch-wasser unter, eine Gottesstrafe wegen des moralischen Verfalls der Städter. Noch heute sollen die Glocken aus der Tiefe des Meeres zu hören sein. Der berühmte Pathologe Rudolf Virchow war davon überzeugt: „Vineta ist Wolin“. Ausgrabungen in den 1930er Jahren scheinen diese These zu stützen. Die Stadt Wolin liegt an der Dievenow, einem Meeresarm der Ostsee. Sie bietet eine reizvolle Innenstadt, ein Freilichtmuseum der Wikingersiedlung und ein Heimatmuseum mit Ausgrabungsfunden.

Die Hansestadt Wolin beteiligte sich, wie auch andere Hansestädte, an der Jagd auf die Vitalienbrüder.  Klaus Störtebecker und Gödecke Michels wurden schließlich 1401 auf dem Grasbrock in Hamburg enthauptet. Welche Relevanz das für unseren Seetörn hat? Es gibt Indizien dafür, dass meine Urgroßmutter von Gödecke abstammt. Zum Segeln bin ich gekommen, weil ich als Jugendlicher die Seeräubergeschichten gelesen habe. Und schließlich habe ich viel später mal in Hamburg auf dem Grasbrok gearbeitet, durfte bei der dort ansässigen Hanseatischen Trachtengruppe  Speedboot mit Blaulicht fahren.

Kamien-Pomorski ist schon Hinterpommern. Dort betrieb mein Urgroßvater ein Steinsetzmeistergeschäft als es noch Cammin hieß und deutsch war. 1945 gehörte auch er zu dem Flüchtlingstreck nach Westen.

Weiter geht´s nach Dievenow an der Ostseeküste. Meine Mutter hat begeistert viele  Geschichten erzählt, von der Zeit,  als sie als Kind in den weit verzweigeten Dünen und am endlos weiten Strand herumtollen durfte. Das werden wir ihr nachmachen!

Im Hafen Dievenow  werden  entscheiden, ob wir die Diewenow zurück kreuzen  oder lieber die 17 sm bis zur Mündung der Swina durch die freie Ostsee segeln – um danach dann 5 -7 sm  bis ins Stettiner Haff zu motoren.

Ich freue mich über einen Kommentar zu meinem  Beitrag!

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